Phänomen Perfektionismus: Interview mit Irene Becker

Egal, welches Medium man betrachtet, Perfektion in allen Lebensbereichen scheint ein machbares Ziel zu sein, zumindest, wenn man den Darstellungen Glauben schenkt. Und so machen sich viele Menschen auf, dieses Ziel auch zu erreichen – jedoch die meisten scheitern trotz größter Anstrengungen. Das Phänomen des Perfektionismus fordert von seinen Opfern einen hohen Tribut.

Viele Personal Coaches werden nach Tipps und Ideen gefragt, mit deren Hilfe man den Perfektionismus ablegen könnte. Etliche Tipps und Ansätze gegen Perfektionismus finden Sie bereits auf Alpha-Frau.de . Eine Print-Redaktion bat mich um ein Interview zu diesem Thema. Meine Antworten möchte ich Alpha-Frau-Lesern nicht vorenthalten…

Frau Becker, Sie postulieren, dass das Streben nach Perfektionismus zum Scheitern führt und zudem sehr viel Stress erzeugt. Was ist so gefährlich am Traum der Perfektion?

Irene Becker (IB): Dieser Traum eliminiert realistische menschliche Maßstäbe und hängt jede Messlatte für Erfolg in solch Schwindel erregende Höhen, dass der Mensch sie nie erreichen kann. Er jagt eine Chimäre und opfert dabei Energie, Zufriedenheit und Selbstbewusstsein, seine Lebensqualität. Denn wenn man sich und seine Leistungen stets mit dem perfekten Resultat vergleicht, ist man ständig frustriert und unzufrieden, da man hundert Prozent fast nie erreicht.

Andererseits wird Perfektion doch von sehr vielen Menschen als etwas Positives und Erstrebenswertes wahrgenommen. So falsch kann dieser Ansatz doch gar nicht sein…

IB: Natürlich ist das Streben nach Perfektion grundsätzlich nicht verkehrt. Ein perfekter Traum kann Orientierung geben und motivieren, sich einzusetzen und weiter zu entwickeln. Immer sollte man sich jedoch bewusst sein, dass dieser Traum als Vision und Wegweiser nützlich, aber in der Realität nicht komplett zu verwirklichen ist. Das schließt selbstverständlich in etlichen Bereichen das Bemühen um Fehlerlosigkeit nicht aus, im Gegenteil, ein Chirurg oder ein Ingenieur sollten sehr wohl eine Fehlerquote von null Prozent anstreben….

Warum sind Ihrer Meinung nach Frauen noch stärker von dem Phänomen betroffen als Männer?

IB: Frauen stehen in ihren unterschiedlichen Rollen mehr im Rampenlicht als Männer. Nach wie vor ist es für Frauen wichtiger als für Männer, gut auszusehen, eine perfekte Familie zu haben und außerdem eine tolle Karriere zu machen. Man spricht bei berufstätigen Frauen schnell von einer Rabenmutter, von einem Rabenvater redet man sehr selten… Auch werden ihm die ersten Fältchen und der Bauchansatz schneller verziehen als ihr. Zudem suggerieren die Medien, dass Falten heutzutage ein vermeidbarer Makel sind – wer welche hat, ist also selber schuld und unternimmt nur nicht genug dagegen.

Eine der Ursachen für übertriebenen Perfektionismus scheint der Druck der Medien zu sein. Welche weiteren Ursachen gibt es noch?

IB: Die aktuelle Lage auf dem Arbeitsmarkt erhöht den Druck auf die Mitarbeiter sehr stark. Viele glauben, dass heutzutage nur noch ein perfekter Angestellter auch einen halbwegs sicheren Arbeitsplatz hat. Dazu kommt noch die persönliche Disposition. Bis zu einem gewissen Grad ist der Hang zum Perfektionismus wohl angeboren, seine Stärke wird dann durch Erziehung, Prägung und Erfahrungen bestimmt. Auch ist es möglich, dass ein mangelndes Selbstwertgefühl durch das Streben nach Perfektion kompensiert werden soll oder aber das Individuum die fatale Überzeugung hat, nur perfekte Menschen seien liebenswert.

Wie äußert sich ein ungebremster Perfektionismus?

IB: Die Perfektionismusopfer sind immer in Zeitdruck, da sie zum einen keine Prioritäten setzen und selbst unwichtige Kleinigkeiten unbedingt perfekt erledigen wollen – und das auch noch selbst, delegieren ist nichts, was Perfektionisten gerne tun. Zum anderen fressen die mehrfachen Kontrollen der Arbeitsergebnisse sehr viel Zeit. Die dauernde Unzufriedenheit mit der eigenen Leistung untergräbt das Selbstbewusstsein und die Lebensqualität. Ein kleiner Fehler ist gleich eine totale Katastrophe, die den ganzen Menschen in Frage stellt. Die Kritikfähigkeit ist deutlich reduziert, die Teamfähigkeit kann ebenfalls leiden, da die Kollegen es einem Perfektionisten nie perfekt genug machen.

Soll man also seine Neigung zum Perfektionismus bekämpfen und ihn ganz überwinden?

IB: Man muss ihn gar nicht ausschalten, denn er hat ja in der richtigen Dosis viele Vorzüge: Zuverlässigkeit, Gründlichkeit, eine hohe Qualität bei minimaler Fehlerquote, Konsequenz und Selbstdisziplin, ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl. All das soll natürlich weiterhin zur Verfügung stehen; deshalb ist das Ziel, den Perfektionismus so zu reduzieren, dass er nicht mehr dieses hohe Maß an Stress erzeugt, sondern seine hilfreichen Seiten zum Tragen kommen.

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